Ein Abschied ohne Abschied

Ein Abschied ohne Abschied – ist das möglich? Vor einigen Tagen hat sich eine sehr liebe Kollegin verabschiedet. Es war ein leiser Abschied, von einigen Kollegen vermutlich gar kein Abschied, zwischen uns ein kurzer, fast schon schöner Abschied, wobei es auch kein dauerhafter Abschied sein sollte. Und wenigstens habe ich diesmal daran gedacht, ihr so lange wie möglich hinterher zu schauen, bis sie in ihrem Büro verschwunden ist. Wir waren uns einig, dass es kein Abschied sein sollte, daher haben wir uns kurz gefasst. Und eigentlich war es auch kein Abschied. Wobei es die Zeit zeigen wird, oder zeigen muss, ob es ein Abschied war oder letztlich doch nicht. Wenn ich es mir wünschen würde… aber wenn bisherige Wünsche in Erfüllung gegangen wären, wäre es tatsächlich gar kein Abschied gewesen.

So habe ich in den letzten Tagen häufig über das Thema nachgedacht. Sicherlich – besagte Kollegin war extrem froh, das Unternehmen verlassen zu können. Die letzten Wochen und Monate waren nicht besonders gut, und vielleicht folge ich diesem Entschluss der Kündigung auch in nicht allzu ferner Zukunft. Genau genommen habe ich dafür alles schon vorbereitet, aber ich bin auch nicht jemand, der zu Kurzschlusshandlungen neigt.

Wenn ich an den Abschied von meiner letzten Stelle denke, war es ebenfalls ein leiser Abschied. Ich habe mich gefreut auf die neue Stelle, die neue Herausforderung, und mich fast schon Wochen zuvor auf einer Sommerparty wohl gefühlt, ich hatte den Eindruck, jetzt sei ich angekommen. Dass vieles, wenn nicht alles anders wurde, zeigt einmal mehr, wie wenig planbar die meisten Umstände sind. Am Nachmittag vor dem Abschied gab es Kuchen, ich habe die Gelegenheit wahr genommen, noch einmal alle unmittelbaren Kollegen zusammen zu trommeln, bin durch die Flure gegangen, habe mich von allen einzeln verabschiedet. Und mit einigen besteht auch nach wie vor – Social Media sei Dank – mehr oder minder sporadischer Kontakt. Es war kein Abschied, der vergleichbar war mit dem Abschied der Kollegin, ich war durchaus ein wenig traurig, diese Stelle zu verlassen, freute mich aber auch auf den neuen Mittelpunkt meiner Arbeitswelt.

Nun liegt der Fall bei der Kollegin völlig anders. Die letzten Monate und Wochen waren gar nicht gut, über Details will ich mich hier jedoch nicht äußern. Und insofern kann ich es verstehen, wenn die Freude absolut überwiegt. Der Abschied vom Chef war tatsächlich sehr bemerkenswert – einfach nur kalt und sonst nichts.

Bleibt die Frage, ob der Abschied zwischen ihr und  mir einer sein wird. Anfangs hatte ich tatsächlich nicht das Gefühl eines Abschieds. Und objektiv betrachtet war es auch keiner – letztlich ist die Situation bzgl. Kontaktmöglichkeiten beinahe besser als je zuvor. Und doch ist es nun anders. Denn der Kontakt muss initiiert werden. Was daraus wird – momentan weiß ich es nicht. Natürlich kann ich mir einiges erhoffen, wünschen oder vorstellen, aber die Zeit wird es wirklich zeigen.

Insofern möchte ich, dass es den Abschied ohne Abschied wirklich gibt. Auch wenn es spät, aber vielleicht noch nicht zu spät ist.

Und dennoch fühlt es sich in den letzten Tagen sehr anders an. Als ob sich etwas ändert, geändert hat, oder aber noch ändern wird. Dabei ist so gut wie nichts geschehen, rein objektiv betrachtet. Und es sind auch nicht die Haare, von denen ich mich heute beim Friseur einmal wieder verabschieden musste. Das war dringend nötig, insofern kein Grund zu weiteren Gedanken. Manche Mitmenschen trauern ja auch bei Abgabe ihrem fahrbaren Untersatz nach, von wegen lange Zeit treu begleitet, immer zuverlässig gewesen, schöne Erinnerungen und so weiter. Dann stellt sich natürlich die Frage, wieso der Wagen überhaupt verkauft wird, wenn er zu derartigen Gefühlsausbrüchen führt. Als ich meinen Wagen abgegeben habe, war dies eher kurz und schmerzlos. Sicherlich treffen alle genannten Attribute auch zu, aber ich habe mich viel mehr auf den neuen Wagen gefreut, was den Abschied vom alten wesentlich erträglicher gemacht hat. Doch was ist nun konkret anders geworden in den letzten Tagen? Hängt mir der Abschied von jener Kollegin doch so sehr nach? Oder ist es eine Ahnung, dass es doch ein Abschied war?

In den letzten Tagen wurde mir immerhin klar, dass es auch bei mir persönlich einen Abschied geben muss – einen Abschied von gewissen Verhaltensweisen, die ich über die letzten Jahre, beinahe Jahrzehnte gepflegt habe. Denn schlechte Ideen sind schlecht, auch wenn man versucht, sie gut zu reden. Insofern heißt es wieder ein wenig mehr, “gut” zu sein und sich zurück zu besinnen. Ganz abgesehen von den positiven Folgen für die Gesundheit. die ich schon von Tag zu Tag spüre. Vielleicht von gestern und heute abgesehen, an denen mich diverse Kopfschmerzen heimgesucht haben. Und letztlich bleibt auch mehr Zeit für andere – sagen wir grob – Beschäftigungen. Insofern ein durchweg positiver Abschied, sofern er durchgehalten wird. Denn so leicht fällt es in der Praxis durchaus nicht, lieb gewonnene Gewohnheiten abzulegen, vor allem, wenn diese in Routine über gegangen sind. So jedoch bieten diese Tage auch einige Gelegenheit, genau darüber nachzudenken. Dieser Abschied stellt somit mehr denn je einen Neuanfang dar.

Und wahrscheinlich wird das merkwürdige Gefühl noch einige Tage, vielleicht auch Wochen, bleiben. Vielleicht wird in der Zeit etwas geschehen, was wieder zu Abschieden in irgend einer Form führen wird. Vielleicht wird sich die Situation klären, in welcher Richtung auch immer. Vielleicht. Immerhin kann ich etwas dafür tun. Nicht erst in eineinhalb Wochen, sondern bereits jetzt. Jederzeit. Änderungen akzeptieren und versuchen, sie aktiv zu gestalten. Adaptieren anstatt dagegen zu kämpfen. Und dementsprechend alte wie neue Chancen nutzen. Ob ohne, oder auch mit Abschied.

 

 

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