Back to the roots

Vor einiger Zeit schrieb ich über einen Abschied ohne Abschied. Ob es dieser gewesen ist, wird sich noch herausstellen. Zwar haben wir Nachrichten ausgetauscht, und uns sogar einmal getroffen, aber es war auch irgendwie merkwürdig. Erst mehr als vier Wochen keine einzige Nachricht, dann habe ich mich kurz gemeldet, daraufhin erfolgte relativ spontan das einzige Treffen. Und schließlich habe ich daraufhin wieder die Initiative ergriffen, doch das Ergebnis ist bis dato erneut nichts. Alles sehr seltsam, und für mich nicht wirklich verständlich.

Doch davon will ich heute nur am Rande erzählen. Ich war heute ganze drei Mal einkaufen. Drei Mal an einem Tag. Eigentlich sogar vier Mal, aber das vierte habe ich gar nicht gezählt, da es nur die örtliche Dönerbude zwecks Mittagessen war. Sei’s drum. Als ich vom dritten Einkauf zurück kam, sah ich blühende Hecken auf dem Parkplatz eines Supermarktes. Blühende Hecken. Ich meinte sogar, die Blüten riechen zu können. Neben allen anderen Gerüchen des Frühlings. Fast wollte ich “Gerüchten” schreiben, denn davon gibt es vor allem in meinem beruflichen Umfeld momentan ebenfalls genug.

Ich dachte an Fernsehserien. Ich dachte an Vorstädte, Enklaven der Großstädte, und wie sich darin leben lässt. Eigentlich lebte es sich hier sehr gut. Die nächsten Supermärkte, Tankstellen, sogar Burger- und Döner-Buden in unmittelbarer Umgebung, alles fußläufig erreichbar. Die nächste Großstadt – mit der mich eine Art Hassliebe verbindet – in einer knappen halben Stunde per Auto erreichbar. Was habe ich mich gewundert, als mir vor kurzem ein Kollege sagte, er hätte keinen Führerschein! Ich meinte zu ihm, dass man den doch beinahe automatisch mit 18 Jahren machen würde. So war es zumindest bei mir. Natürlich wollte man raus. Meine Freunde wollten raus. Ich wollte raus. Aus der Kleinstadt aufbrechen, ausbrechen, mobil und beweglich sein. Und wenn es nur wöchentlich dieselbe Fahrt zu derselben Disco war. Oder dem Kino zwischen Klein- und Großstadt gelegen. Denn verwurzelt war man natürlich weiterhin in der Kleinstadt, in der suburbanen Umgebung, und inzwischen fast schon stolz darauf.

Ich dachte an Vergangenheiten, die Gegenwart, aber auch die Zukunft. Ich ging an den weiß blühenden Hecken entlang, die Einkaufsbeutel wogen einiges, aber mit dem Wagen zu fahren kam für den kurzen Weg nicht in Frage. Das war zuerst eine Sache der Ehre, später eine Art Marotte, was ich offen zugebe. Alles, was nicht in die zwei Einkaufsbeutel passte, konnte eben nicht gekauft werden. Oder musste auf den nächsten Einkauf warten. Ich ging an dem Parkplatz des Supermarktes vorbei, näherte mich der Tankstelle, die ich nur kurz streifen musste, um zur Straße zu gelangen, die mich nach Hause führte. Keine fünf Minuten später sollte ich das Haus erreichen.

Ich spielte in Gedanken mit Szenarien. Von einem dieser Szenarien hatte ich immer geträumt. Warum nicht in einer Kleinstadt leben, und eine Familie gründen. Mit einer faszinierenden, intelligenten, humorvollen, anspruchsvollen und einfach atemberaubenden Frau zusammen sein. Ein Haus bauen oder kaufen, umbauen, im Garten arbeiten, die Zeit genießen. In der Nähe arbeiten, hier wohnen, sich Auszeiten, Abenteuer oder auch nur Kleinigkeiten gönnen. Eine gemeinsame Basis aufbauen. Irgendwann. Ich dachte, dass das irgendwann vielleicht bald erreicht sein könnte. Ich dachte aber auch daran, dass es mir möglicherweise schwer fallen könnte, eine solche Frau, wie ich sie mir vorstellte, halten zu können. Nicht nur einmal, sondern dauerhaft überzeugen zu können. Ich stellte mir Fragen, was diese Frau sich wünschen würde, was sie verlangen würde, schließlich wäre das ihr gutes Recht. Ich war mir sicher, dass ich einiges erfüllen könnte, anderes vielleicht auf der Strecke bliebe. Ich dachte, dass die unterschiedlichen Erwartungshaltungen vielleicht ein Problem werden könnten. Oder vielleicht auch gerade nicht. Denn ich dachte, genau diese Frau gefunden zu haben. Diese eine Person, die mich derart faszinierte, dass ich in Gedanken bereits zehn Schritte weiter war, als ich in der Realität gegangen bin.

Ich ging weiter und erfreute mich an den Blüten, doch mit vielen Fragen im Gepäck. Vielleicht hatten andere die Antworten bereits gefunden. Freunde, Bekannte, ob hier in einer Kleinstadt lebend oder als Weltbürger durch die Metropolen wandelnd. Ich sehe einige davon beinahe täglich – bei Facebook. Mit Bildern im Gepäck, ob auf Reisen, mit Denkmälern im Hintergrund, oder auf Fotos mit Drinks, deren Zutaten ich gar nicht kennen möchte. Oder auch mit kleinen, niedlichen Filmen von ihren Hobbies, sie schien zu vereinen, dass sie angekommen waren.

Dieser Abschied ohne Abschied sah nun immer mehr nach einem Abschied aus. Einem wirklichen Abschied. Anders kann ich mir die momentane Situation nicht erklären. Und dennoch merkte ich, dass Aufgeben nach wie vor keine Option sein würde. Noch nicht. Vielleicht bin ich auch einfach nur merkbefreit, wenn ich meinem Instinkt folgen will, denn dieser hat mich diesbezüglich bislang auch eher im Stich gelassen. Aber vielleicht hatte ich auch nur nicht genug darauf gehört, oder zu früh los gelassen. Oder alles zusammen.

Zumindest in einem Punkt hatte ich meinen Instinkt eine viel zu lange Zeit ignoriert, oder vielmehr überstimmt. Und zwar bezogen auf meine aktuelle Arbeitsstelle. Ich hätte vor Monaten kündigen sollen. Endlich habe ich es Ende letzten Monats getan. Endlich. Es war ein Befreiungsschlag, ein Erwachen, eine Entscheidung, und zwar die beste der letzten Jahre. Auch wenn die Reaktionen meiner Chefs anders waren als erwartet, es interessiert mich letztlich nicht mehr. Dazu könnte ich noch Dutzende Blog-Einträge schreiben, aber das soll nicht Bestandteil dieses Beitrags sein. Jedenfalls habe ich gekündigt, einerseits überlegt, denn ich hatte es schon sehr lange in Betracht gezogen, andererseits spontan, als ich von den neuerlichen Umstrukturierungs- und Teambildungs-Plänen hörte. Das war der berühmte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Es reichte. Es war endgültig genug. Als ob ich es nicht bereits Monate zuvor gewusst hätte, genau genommen sogar mehr als ein Jahr. Damals hatte ich die Kündigung geschrieben und vorbereitet, so dass ich diesmal nur noch das Datum anpassen musste.

Ein Einschub an dieser Stelle – wer nun denken mag, dass ich verrückt sei, denn heutzutage kündigt man doch keine Stelle, unbefristet, mit einem Gehalt, dass sich sehen lassen konnte, noch dazu hatte ich mir eine Flexibilität erarbeitet, die ebenfalls ungewöhnlich war. Bullshit. Alles Bullshit. Ich bin Software-Entwickler. Ich bin in einigen Themen ziemlich gut. Ich habe einen Master- und einen Diplom-Abschluss. Noch Fragen? Zugegeben, ich bin inzwischen anspruchsvoll und in manchen Aspekten auch kompromisslos geworden, vielleicht sogar ein wenig mehr “Arschloch” als vor einigen Jahren. Aber ich möchte interessante und herausfordernde Aufgaben haben. Ich möchte weiter kommen. Fachlich und persönlich. Dafür verzichte ich eher auf ein bisschen Kleingeld oder auf hochtrabende Titel.

Die Kündigung war insofern die beste Entscheidung der letzten Zeit. Dazu kam die Sache mit dem Abschied.  Die Frau, die ich in Gedanken schon heiraten wollte, hatte drei Monate vor mir gekündigt und eine neue Stelle angetreten. Vielleicht war sie sogar einer der Gründe, weshalb ich es so lange in diesem Unternehmen ausgehalten hatte. Denn die letzte Zeit war nur noch Aus- und Durchhalten. Es bietet zwar einen gewissen Reiz, wenn man sich die Aufgaben selbst aussuchen kann, aber jegliches Feedback fehlte, von Teamgeist ganz zu schweigen. Erst recht war keine Vision vorhanden, sondern alles zielte in Richtung Tages- und Projektgeschäft. Die Kollegen, mit denen ich mich am besten verstanden hatte, waren bereits Monate zuvor gegangen oder würden in Kürze ihren Hut nehmen. Für mich sehr verständlich, daraus habe ich keinen Hehl gemacht. Auch weil ich selbst mit dem Gedanken spielte, aber vielleicht auch in einer Komfortzonen-Blase verhaftet war.

Doch nun, da nicht einmal die Mittagspausen oder kleinen Gespräche zwischendurch interessant waren, musste ich einfach konsequent sein. Den Weg für mich finden. Meinen Weg finden. Leider – so wie es jetzt aussieht – ohne jene Frau, ohne jene Kollegin. Anfangs waren wir Kollegen. Danach waren wir – irgendwas Anderes. Ich wage hier keine Definition. Zumindest jetzt nicht mehr. Vielleicht hatte ich die Hoffnung auf Freundschaft. Und sicherlich auf viel mehr – in Gedanken. Ich wollte ihr immer sagen, dass wenn sie heute mit “ja” antworten würde, ich morgen das Aufgebot bestellt hätte. Und diese Aussage niemals als Scherz meinen würde.

Doch nun musste es weiter gehen, wie auch immer. Momentan ist der Zustand irgendwie “schwebend wirksam”. Ich ahne, dass es doch ein Abschied war, oder in nächster Zeit sein wird. Zwar stehen alle vermeintlichen Vorzeichen eher gut, andererseits zeigt das Verhalten in eine andere Richtung. Siehe oben, Aufgeben kommt noch nicht in Frage, aber es wird auch nicht mehr allzu lange dauern, bis dieser Punkt erreicht ist. Dann gibt es – genau wie bei der Kündigung – auch keinen Weg mehr zurück. Aber vielleicht gibt es jene Zufälle, die einen zurück zu den Wurzeln führen.

Zurück zu den Wurzeln werde ich möglicherweise beruflich gehen. Ich habe vor über 15 Jahren in einem speziellen Fachgebiet begonnen, damals mehr oder minder zufällig, von einer studentischen Hilfskraft zum Kern-Entwickler eines größeren Software-Produktes. Und das nur mit der richtigen Antwort auf die richtige Frage. Damals brauchte ich nicht lange zu überlegen, heute stehen selbstverständlich mehr Optionen offen. Aber – und das ist es, was die momentan Schlange stehenden Personalvermittler, -berater, -agenturen usw. nicht wirklich verstanden haben – ich will nicht Dutzende Bewerbungsgespräche führen. Ich will nicht meinen Lebenslauf in der Art und Weise trimmen, wie ich es heute mit dem Garten hinter dem Haus gemacht habe. Ich will meine Ecken und Kanten nicht verstecken, ich will keine Lücken glätten, keine Joker ziehen, nicht auf jede Frage ohne zu überlegen eine passende Antwort haben. Warum interessiere ich mich für diesen und jenen Job? Woher soll ich es wissen? Sie müssten mir doch sagen können, was mich daran interessieren könnte. Die Unternehmen müssten mir ihre Visionen, ihre Strategien, ihre Ansichten, ihre Möglichkeiten, ihre Stärken und Schwächen darlegen. Warum sollte ich zu diesem oder jenen Unternehmen gehen? Auf diese Frage möchte ich eine Antwort haben, und zwar im besten Fall, bevor ich meine Zeit dafür einsetze und mich genauer damit beschäftige.

Zugegeben, die Aussichten auf dem Arbeitsmarkt sind für Software-Entwickler momentan extrem gut. Allerdings kann ich mich nicht erinnern, dass dies in den letzten 20 Jahren je anders gewesen wäre. Aber auch diesmal scheint der Zufall zugeschlagen zu haben, in Kombination mit der Vernetzung. Ich hatte in den letzten Tagen ein sehr interessantes Gespräch. Zum Unternehmen an sich an späterer Stelle vielleicht mehr, aber nur soweit – es schien irgendwie einiges, wenn nicht alles, zu passen. Die Aufgaben, die Aussichten, die Chefs, die Kollegen, die Sympathie, die Vision, die Strategie usw.. Es schien wieder so ein Zufall zu sein, der mich bereits zu einigen Stationen meiner beruflichen Laufbahn führte. Und diesmal würde ich quasi zurück kommen, zurück zu den Anfängen, back to the roots, zumindest bzgl. dem Aufgabengebiet und sogar am Rande zur Branche. Einiges ist anders, aber die Basis stimmt überein. Und das Wichtigste – ich habe Lust darauf!

Also fassen wir zusammen – ein Zufall, ein paar Mails, ein Treffen, ein Angebot, ein Job. In weniger als einer Woche. Ich habe noch nicht endgültig zugesagt, aber wenn ich ehrlich zu mir und diesem Blog bin, habe ich die Entscheidung längst getroffen. Manche Veränderungen gehen doch schneller als erwartet. Und manche fallen sogar leichter als gedacht. Aber es nützt nicht einmal etwas, nun darüber nachzudenken, was gewesen wäre, wenn ich dies oder jenes getan, wenn ich nun ein halbes Jahr früher gekündigt hätte oder wenn und aber und was auch immer. Vielleicht hätte es einen vergleichbaren Zufall gegeben. Vielleicht hätte ich wochenlang nach einer passenden Stelle gesucht. Aus der heutigen Perspektive betrachtet ist es sogar gnadenlos irrelevant und kontraproduktiv, sich darüber Gedanken zu bereiten.

Und ich trimme nach wie vor lieber den Rasen als meinen Lebenslauf. Nun stellt sich nur noch die Frage, was ich bzgl. jener Frau, jener Nicht-mehr-Kollegin, unternehmen werde. Nun, wenn ich darauf eine Antwort hätte, wäre ich freilich froh…

Ich ging weiter, kürzte den Weg ein wenig ab, ging an den Zapfsäulen entlangi, bog die Straße hinein, in der ich wohnte. Ich sah meinen Wagen, den Vorgarten, blau blühende Blumen, deren Namen ich mir sowieso nicht merken konnte. Ich schloss die Tür auf, packte die Sachen aus, für die nächste Woche waren wieder genug Vorräte vorhanden. Und nächste Woche werde ich wieder einkaufen gehen. Vielleicht blühen die Hecken dann immer noch, wenn die Sonne scheint, wenn andere Leute sich analog zu mir auf den Weg vom Supermarkt nach Hause begeben werden. Und falls ich keine Antworten habe, werde ich vielleicht wieder über Vorstädte, Fernsehserien, Lieder, Lebensräume und Realitäten nachdenken.

 

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