Erwartungen und Gewöhnungseffekt

“Das war zu erwarten, oder?”. Das sagte mir eine gute Freundin, mit der ich gestern noch einmal kurz gesprochen habe, in Bezug auf die Reaktion, oder vielmehr die nicht erfolgte Reaktion auf meine letzte Mail. Warum auch immer, aber ich hatte am selben Tag, an dem mir die Entscheidung mitgeteilt wurde, noch eine Mail geschickt, es sollte eine Art Abschluss sein, oder auch ein letzter Rettungsanker, so genau kann ich es nicht differenzieren. Vielleicht hätte ich jene Mail heute nicht mehr gesendet, doch vor knapp einer Woche fühlte es sich richtig an. Auch darüber habe ich zuvor mit jener guten Freundin, die mir sehr oft mit Rat zur Seite steht, gesprochen. Ich hatte beinahe damit gerechnet, dass sie es für eine selten dumme Idee hielt, aber das Gegenteil war der Fall. Insofern stelle ich mir ebenfalls die Frage, was waren meine Erwartungen? Was hätte passieren können? Von utopischen Träumen mal abgesehen, aber vielleicht hatte ich eine kleine Antwort erwartet? Ein kurzer Dank, mit vielen Grüßen für die Zukunft. Oder ähnliches. Aber vermutlich war dies wirklich nicht zu erwarten gewesen, da bereits alles gesagt war. Es waren keine weiteren Worte nötig. Dass wir uns im Alltag wieder begegnen werden, muss ebenfalls nicht mehr erwähnt werden, das wird passieren, ob man will oder nicht. Hatte ich nun wirklich nur eine kleine Reaktion erwartet, oder mir vielleicht etwas anderes gewünscht? Wobei – das gehört wohl doch zur Kategorie der Utopien.

Ein anderer Aspekt, der mir gestern wieder stärker aufgefallen ist, ist die Gewöhnung. Allgemein gesprochen gewöhnt sich der Mensch an vieles. Umstände, die zuvor undenkbar scheinen, werden hingenommen oder gar akzeptiert. Ansonsten wäre auch kaum zu erklären, wieso Menschen, denen offensichtlich die Grundbedürfnisse zum Teil fehlen, durchaus glücklich sein können, und nicht nur vorgeben zu sein. Sie kennen es gar nicht anders. Demgegenüber lebe ich doch in einer absoluten Luxusgesellschaft, oder? Mit Luxusproblemen.

Doch ganz so einfach ist es auch wieder nicht. Natürlich sind nun einige Tage vergangen. Tage, in denen ich viel geschrieben, viel programmiert, viel nachgedacht habe. Tage, in denen ich auch durchaus viel kommuniziert habe. Logischerweise nicht mit ihr, aber das war doch zu erwarten, oder? Und während ich versuche, das zu tun, was mir anscheinend besser gelingt als eine Frau für mich zu gewinnen, gewöhne ich mich auch wieder an diese neue, oder vielmehr alte Situation. Der Gewöhnungseffekt tritt ein. Genau wie ich zugegebenermaßen eine Temperatur draußen um 10°C bis 15°C den heutigen 25°C vorziehe, falls diese Wärme länger anhält, gewöhnt sich der Körper auch irgendwann daran. Es dauert zwar eine Weile, aber diese Anpassung findet statt. Dasselbe bei Schicksalsschlägen, Katastrophen oder einfach Veränderungen, nicht steuerbaren externen Umständen. Irgendwann ist es so weit.

Das ist jedoch sowohl Fluch und Segen zugleich. Einerseits bewahrt es einen, in Lethargie oder gar Depression zu verfallen, andererseits hält es einen in der aktuellen Situation auch gefangen. Man befindet sich in der persönlichen Komfortzone, man hat sich arrangiert, das Leben geht weiter. Selbst wenn die Lage weder gewollt noch gewünscht ist. Dazu noch ein wenig Bequemlichkeit, und schon legt das Streben nach Veränderung wieder eine Pause ein.

Obwohl diese Veränderung die Situation wesentlich verbessern würde, obwohl innerlich der sehnlichste und seit langem gehegte Wunsch letztlich automatisch zu einer Veränderung führen würde. Wie die genaue Konstellation dann auch immer sein mag, oder ob diese als so positiv empfunden wird, wie man es sich wünscht, ist dabei zunächst irrelevant. Ein Traum ist ein Traum, und eine Mauer ist eine Mauer.

Vom Allgemeinen zurück zum Persönlichen – momentan befinde ich mich irgendwie zwischen allen Fronten. Ich bin soweit rational und realistisch, dass mir klar ist, dass sie ihre Entscheidung getroffen hat und ich aktuell in einer Sackgasse bin. Mein unweigerlicher Optimismus gepaart mit ein wenig Naivität hofft noch auf eine minimale Chance, jedoch ist die Schlacht längst verloren. Sie war es genaugenommen bereits zu einem Zeitpunkt, zu dem ich mich noch in kompletter Uniform im Kampf wähnte. Und in Bezug auf den aktuellen Alltag, oder das “Tagesgeschäft”, erst recht im Urlaub, habe ich mich halbwegs mit der Situation abgefunden. Halbwegs arrangiert. Es ist zwar suboptimal, aber es funktioniert. Nur insgesamt ist dies keine erstrebenswerte Lösung, kein Ausweg aus der Sackgasse. Insofern werde ich auch weitere Versuche starten, zukünftige Gelegenheiten nutzen, um vielleicht die Frau kennenzulernen, mit der ich mir eine Beziehung vorstellen kann. Ich dachte, ich wäre nah dran und hätte sie gefunden. Oder vielmehr die Chance, sie für mich zu gewinnen. Doch diesmal hatte ich mich getäuscht. Wieder einmal, leider. Und um noch ein wenig Kriegsrhetorik zu bemühen, zunächst heißt es nun, die Wunden heilen zu lassen, denn momentan hätte ich weder die Lust noch die Energie, um in die nächste Schlacht zu ziehen. Ganz zu schweigen davon, dass ich mich mitunter lieber in einer friedlichen Umgebung befinde, in der die Möglichkeiten eher rar gesät sind. Aber ganz aufgeben werde ich nie. Zwar habe ich nicht viele, aber einige Gefechte verloren. Und vielleicht ist es auch verrückt, es immer wieder zu versuchen. Aber nur mit der Situation des permanenten Single-Daseins abfinden, oder arrangieren, will und werde ich nicht. In diesem Sinne bin ich vermutlich ein (kleiner) Rebell. Und Träumer sowieso. Wie war das noch mit den Erwartungen..?

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