Kämpfen. Erobern. Ist wieder Krieg?

Zwölf Uhr mittags. Sengende Sonne auf dem staubigen Platz. Die Duellanten stehen sich gegenüber, sehen sich mit versteinertem Gesicht tief in die Augen. Sie kehren sich den Rücken zu. Die Waffen sind gewählt und schussbereit. Der Held und der Schurke gehen vorwärts und zählen ihre Schritte. Eins, zwei, drei,… Es erklingt orchestrale Musik. Showdown. Ein, nein, zwei Schüsse später. Der Staub verfliegt. Im Hintergrund werden schemenhafte Umrisse des Bestatters sichtbar.

Wer dieses Duell gewonnen hat, sei dahingestellt. Es ist irrelevant. Die Rollen sind nicht klar verteilt. Und abgesehen davon ist das Zeitalter des wilden Westens doch eigentlich vorbei, und so wie beschrieben dürfte zudem kaum ein Kampf stattgefunden habe. Wieder einmal romantische Fiktion.

Und dennoch sagte mir jene Frau, in die ich so viele Hoffnungen gesetzt, bei der ich Chancen gesehen habe, einen dieser merkwürdigen Sätze. “Eine Frau will erobert werden.” Und dass sie Hartnäckigkeit sehr schätze. Dem Mann solle erlaubt sein, Mann zu bleiben. Erobern. Kämpfen. Kriegsrhetorik.

Ich habe mir diese Wörter und Sätze nicht zum ersten Mal intensiv durch den Kopf gehen lassen. Jedoch stellen dabei mehr Fragen auf als es Antworten gibt. Was heißt genau “kämpfen”? Oder “erobern”? Vielleicht habe ich es auch nie gelernt und alle anderen verstehen diese Phrasen besser. Oder anders – ist dies in der heutigen Zeit überhaupt noch erlaubt – auf die vermeintliche Emanzipation der letzten Jahrzehnte möchte ich gar nicht weiter eingehen, aber wann wird das “Kämpfen” gefährlich? Nicht nur für die Umworbene, sondern auch für den Werber? Denn erst recht angesichts des bösen, bösen Internets haben sich die Möglichkeiten des “Kampfes” natürlich extrem erweitert. Wenn dem Minnesänger früher ein Eimer Wasser über den Kopf gegossen wurde, hatte er vermutlich genug und seine persönliche Grenze war erreicht – fraglich, ob er weiterhin versuchen würde, die Angebetete zu erreichen.

Aber der “Kampf” findet nicht nur in virtuellen Umgebungen statt, dies ist allenfalls eine Erweiterung des Reellen. Nur wie sieht die Realität aus? Auch sehr nett gemeinte Komplimente können zuviel werden. Oder allzu häufiger Smalltalk in der Küche. Oder kleine respektive größere Präsente oder Aufmerksamkeiten. Oder Einladungen. Oder zufällige Begegnungen im Flur. Oder einfach alles, was über das normale Maß des miteinander Umgehens hinaus geht. Damit gerät der singende Held leicht in die Nähe eines schurkischen Stalkers. Doch wie lässt sich “kämpfen”, ohne auch nur eine scharfe Waffe zu besitzen? Wie kann eine “Eroberung” aussehen, wenn der altersschwache Schleppkahn nicht einmal den Weg aus dem Heimathafen schafft?

Um es klar zu sagen – ich lehne mich gerne auch weit aus dem Fenster, bin gerne “verrückt”, sofern es in einem gewissen und nicht zuletzt erlaubten Rahmen liegt. Es würde an der Realität vorbei gehen, wenn ich behaupte, dass ich “alles” für diese Frau getan hätte, aber es wäre wesentlich mehr gewesen als bei meinen bisherigen Versuchen. Es fühlte sich einfach richtig an, die Mittagspause zu nutzen, da sich die Gelegenheit bot, ihr eine kleine Freude zu bereiten. Es fühlte sich richtig an, ihr einiges, was ich vorher nicht direkt gesagt habe, in einer Mail zu verpacken. Es fühlte sich aber auch richtig an, zu warten, und nicht maschinengewehrgleich nachzuhaken und nach weiteren Treffen zu fragen.

Aber trotz aller Versuche ist es für mich ebenso eine Selbstverständlichkeit, ihre Entscheidung zu respektieren. Das berühmte “Nein” zu akzeptieren. Weitere Bemühungen haben sich mit ihrer Entscheidung folglich schlagartig erledigt. Wenn “kämpfen” bedeutet, in Wildwest-Manier oder Haudrauf-Mentalität á la Bud Spencer & Terence Hill zu agieren, dann bin ich wohl kein Kämpfer. Ihre Entscheidung muss ich nicht gutheißen oder gar unterstützen, aber zumindest anerkennen und (be)achten. Und dennoch kann ich ein Quäntchen Hoffnung wagen. Denn auch in einem aussichtslosen und verloren scheinenden Kampf kann durch geschickte und überraschende Angriffstaktik ein Sieg errungen werden.

Glaube ich daran? Nein.
Hoffe ich es? Ja. Leider.
Vielleicht bin ich kein Kämpfer, aber dafür extrem zäh.
Und hartnäckig. Leider. Vielleicht.

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